Stress bei Mann und Frau – so unterscheiden sich die Geschlechter wirklich

Aus dem Augenwinkel sieht sie sie fallen: ihre Lieblingsvase – ein Geschenk ihrer Großmutter. Tränenüberströmt bricht sie zusammen. „Ach, stell dich nicht so an,” raunt eine männliche Stimme – „Das kann man doch reparieren!”

Haben wir schon einmal einen Hollywood-Film gesehen, mögen uns Szenen wie diese nur allzu bekannt vorkommen. Die emotionale Frau und der rationale Mann – ein Bild, das sich von klein auf in unsere Köpfe schleicht. Und diese Geschlechterrollen machen auch beim Thema Stress keinen Halt: Männer seien hart, an ihnen pralle Stress einfach ab. Fühlen sich Frauen aber gestresst, führe sie das in tiefe Täler der Verzweiflung. Aber können Männer tatsächlich besser mit Stress umgehen als Frauen? Und wie wirkt sich Stress bei Mann und Frau auf die Partnerschaft aus? Wir werfen einen Blick auf die Unterschiede der Geschlechter und zeigen euch, wie ihr Stress in eurer Beziehung gemeinsam meistern könnt. 

Der rationale Mann und die emotionale Frau – was ist dran an den Klischees?

Durchforsten wir den Dschungel an Studien zu den Geschlechterunterschieden und Stress bei Mann und Frau, finden wir zahlreiche Ergebnisse, die ein uns altbekanntes Rollenbild zu stützen scheinen. Frauen sind sensibel und gefühlsbetont, Männer unabhängig und stark – all das: vermeintlich wissenschaftlich belegt. Aber die Betonung liegt auf vermeintlich: Denn schauen wir genauer hin, fällt auf, dass die Qualität vieler dieser Studien meist nicht so hoch ist, dass wir daraus allgemeine Aussagen treffen können.  

Hat die Forschung also überhaupt eine Aussagekraft, wenn doch so viele Studien mangelhaft wirken? Neben der nur scheinbar gut gemachten Forschung, deren Aussagen wir eher skeptisch betrachten sollten, gibt es auch wissenschaftliche Arbeiten, auf deren Ergebnisse wir ruhigen Gewissens vertrauen können. Die von uns berichteten Studien erfüllen eine Vielzahl an Kriterien, die gute Forschung ausmachen. Dazu zählen zum Beispiel die Objektivität, Genauigkeit und Überprüfbarkeit der Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten. 

Was Mann und Frau beeinflusst: Erkenntnisse der Wissenschaft

Seit vielen Jahren werden die Geschlechterunterschiede im Erleben und Verhalten von Mann und Frau erforscht. Dabei interessieren vor allem Fragen wie: Unterscheiden wir uns? Wenn ja, worin? Und gibt es Eigenschaften, die typisch weiblich oder männlich sind? Die kurze Antwort ist: Auch wenn die Geschlechter sich nicht darin unterscheiden, wer besser Auto fährt, gibt es bestimmte körperliche und psychische Faktoren, in denen sich Männer und Frauen doch zu unterscheiden scheinen.  

Mehr ähnlich als verschieden

Die Psychologin Janet Shibley Hyde nahm in ihrer Arbeit die vermeintlichen Unterschiede von Mann und Frau einmal genauer unter die Lupe. Sie stellte fest: Eigentlich sind wir uns ziemlich ähnlich. Unterschiede in Verhaltens- oder Denkmustern wie zum Beispiel dem moralischen Denken, dem Konkurrenzdenken und der Hilfsbereitschaft waren kaum bis gar nicht feststellbar. Auch in Bereichen wie der Kommunikation oder der Führungsqualität zeigten Frauen und Männer ähnliche Leistungen.

Aber wie kommt es dann dazu, dass wir Frau und Mann oft als so unterschiedlich empfinden? Der Forscher Zlatan Krizan sieht den Grund darin, dass wir Menschen dazu neigen, vor allem die Extreme wahrzunehmen. Der Durchschnitt verschwimmt dann schnell und wird für uns weniger sichtbar. 

Wichtig ist: Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen meist nicht nur darin, wer wir sind oder eben nicht sind, sondern entstehen auch mit den Erfahrungen, die wir als Männer oder Frauen machen. Es geht also um ein komplexes Zusammenspiel von Biologie und Umwelt.

So reagieren Mann und Frau bei Stress

„Wenn Männer Stress haben, melden sie sich nicht. Die meisten Männer wollen einfach in Ruhe gelassen werden. Frauen fühlen sich vernachlässigt, wenn ihr Herzensmensch ihnen bei Stress nicht beiseitesteht.” Gibt es wirklich Unterschiede darin, wie Frauen und Männer Stress erleben und bewältigen? Wir schauen uns im Folgenden einmal genauer an, was an solchen Stereotypen dran ist. 

Das Stressempfinden

Wie äußert sich Stress bei Männern und Frauen? Tatsächlich lassen sich einige Unterschiede im Stresserleben und in der Stressbewältigung der beiden Geschlechter feststellen. Das hat auch die Forscherin Pilar Matud in einer groß angelegten Studie herausgefunden. Sie erkannte: Frauen leiden eher unter chronischem Stress, während Männer von einem allgemein niedrigeren Stresslevel berichten. 

Häufige Stressfaktoren der untersuchten Frauen waren vor allem Erlebnisse zu Hause und innerhalb der Familie. Zudem stellt der Stress von anderen, ihnen nahestehenden Personen, für viele Frauen eine Belastung dar. Oft hängen auch Faktoren wie Sexismus und Diskriminierung mit den stressauslösenden Erlebnissen der weiblichen Befragten zusammen. Die Mehrheit der befragten Männer fühlte sich dagegen vor allem durch Stress auf der Arbeit, Finanzen und Konflikte in Beziehungen oder Freundschaften belastet.

Gut zu wissen:

Forscher von der University of Arizona sind dem Stresserleben von Mann und Frau mal genauer auf den Grund gegangen. Sie baten 166 verheiratete Paare, ein Tagebuch über ihre täglichen Stressauslöser für die Dauer von 42 Tagen zu schreiben. Das Ergebnis zeigt: Frauen fühlten sich an mehr Tagen gestresst, als ihre Ehemänner. Besonders interessant war, dass es bei Frauen nicht nur häufiger zu Stress kam, sondern sich dieser auch vermehrt auf den darauffolgenden Tag auswirkte.

Die Stressbewältigung

Nicht nur das Stressempfinden wird vom Geschlecht beeinflusst. Auch in dem Punkt, wie Männer und Frauen mit Stress umgehen, lassen sich einige Unterschiede finden. 

Als Mann kann es schwerfallen, den eigenen Stress zu erkennen. Denn die traditionelle Rolle in der Gesellschaft verspricht: Männer sind wie Maschinen – sie sorgen für ihre Familie, sind niemals müde und weinen nicht, funktionieren eben. Das kann für große und vor allem falsche Erwartungen sorgen, die oft überfordern. Die Folge: Viele Männer neigen bei Stress dazu, sich entweder aggressiv zu verhalten oder ganz und gar zurückzuziehen. Frauen hingegen fällt es bei Stress oft leichter, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, sich zu verbinden und ihre Belastung zu teilen. Das führt dazu, dass Frauen – auch wenn sie oft mehr Stress empfinden – diesen meist besser zum Ausdruck bringen und wirksamer verarbeiten können. 

Auch die Hormone sind beim Thema Stressbewältigung von Bedeutung. Empfinden wir Stress, schüttet unser Körper nämlich eine Menge der Stresshormone Cortisol und Adrenalin aus. Das läuft bei beiden Geschlechtern zunächst einmal gleich ab. Im nächsten Schritt – der Stressreaktion – zeigt sich jedoch ein kleiner, aber feiner Unterschied: Denn Frauen produzieren nun vermehrt Oxytocin, umgangssprachlich auch „Kuschelhormon” genannt. Das führt dazu, dass die Produktion der Stresshormone reduziert wird, Menschen entspannter werden und Stress letztendlich besser bewältigen können. 

Am Ende ist auch hier zu sagen: Wer sich von was gestresst fühlt und wie die betroffene Person damit umgeht, kann ganz unterschiedlich sein. Obwohl die Forschung einige Unterschiede im Stresserleben und in der Stressbewältigung von Mann und Frau feststellen konnte, lässt sich die Reaktion auf Stress meist nicht allein durch das Geschlecht vorhersagen. Auch andere Faktoren wie die Persönlichkeit oder die Resilienz eines Menschen können eine Rolle spielen. 

Stress bei Mann und Frau: der stille Feind der Liebe?

Wie das Glück in der Liebe, ist auch Stress etwas, das man als Paar teilt. Denn Symptome von zu viel Stress wie Einschlafprobleme, sexuelle Unlust und Antriebslosigkeit betreffen meist auch den Partner oder die Partnerin. Fühlen wir uns überlastet, kann das auch dazu führen, dass wir negativer, weniger oder gar nicht mehr miteinander sprechen. Dann haben wir vielleicht das Gefühl, dem Stress ganz alleine gegenüberzustehen. 

Tatsächlich können wir die Wechselwirkung von Stress und Beziehung aber auch zu unseren Gunsten nutzen. Und zwar indem wir gemeinsam mit unseren Liebsten lernen, mit dem Stress umzugehen. Denn das, so sagt auch die Forschung, kann die Verbindung zu unserem Herzensmenschen sogar vertiefen.

Better together: gemeinsam gegen Stress

Wir zeigen mit 5 Tipps, wie ihr euch in Zeiten der Verzweiflung gegenseitig stärken könnt.

1Warnsignale erkennen und Bedürfnisse wahrnehmen

Um Stress nicht zur länger währenden Belastung werden zu lassen, ist es wichtig seine Anzeichen frühzeitig zu erkennen. Diese können, wie wir schon gesehen haben, ganz unterschiedlich sein. Zum Beispiel machen sie sich in Gefühlen, Gedanken oder auch körperlichen Reaktion bemerkbar. Haben wir die Signale erst einmal erkannt, können wir uns überlegen, wie wir mit ihnen umgehen möchten. Vielleicht hilft es dir, mit einer anderen Person sofort über die Belastung zu sprechen. Oder du möchtest dir lieber etwas Zeit für dich nehmen, bevor du den Grund für deinen Stress teilst. Überlege dir, was du gerade brauchst und wie dich dein Gegenüber dabei unterstützen kann.

2Miteinander sprechen

Das A&O in der gemeinsamen Stressbewältigung ist – Trommelwirbel: die Kommunikation. Teilen wir nicht, was uns belastet, haben unsere Liebsten kaum eine Chance, uns bei der Bewältigung von Stress zu unterstützen. Denn ohne ein klärendes Gespräch ist es oft schwierig, veränderte Verhaltensweisen als eine Folge von Stress zu deuten. Daher: Versuche, dich deinem Partner oder deiner Partnerin zu öffnen. Vielleicht könnt ihr das Problem sogar gemeinsam lösen.

3Zuhören und unterstützen

Nicht nur der aktive Part – das Mitteilen – ist ein wichtiger Baustein in der gemeinsamen Stressbewältigung. Auch das Zuhören ist im Kampf gegen Stress unabdingbar. Dabei ist es wichtig im Hinterkopf zu behalten: Was für deinen einen motivierend sein kann, versetzt den anderen nicht selten in Überforderung. Versuche Verständnis zu zeigen und dich in die Gefühlswelt deines Gegenübers hieinzudenken. Wie kannst du deinen Lieblingsmenschen jetzt unterstützen? Vielleicht indem du ihr oder ihm eine Aufgabe abnimmst, ein Bad einlässt oder etwas Leckeres kochst. 

4Körperliche Nähe gegen Stress

Eine warme Umarmung, ein sanftes Streicheln oder eine wohltuende Massage können uns nach einem stressigen Tag Entspannung schenken. Grund dafür: Bei liebevollen Berührungen schüttet unser Körper Glückshormone wie Oxytocin und Dopamin aus. Ängste, Anspannung und Gefühle der Belastung nehmen dann ab. Das Vertrauen zu unserem Gegenüber vertieft sich und wir werden mit einem angenehmen Gefühl der Verbundenheit belohnt. Das senkt nicht nur unser Stresslevel, sondern kann auch unsere Beziehung stärken.

5Gemeinsame Rituale schaffen

Was ist, wenn der Stress beide betrifft und keiner den anderen auffangen kann? Um diesem Fall vorzubeugen, ist es ratsam, gemeinsame Rituale zu schaffen, um Stress vorzubeugen. Das können wöchentliche Essen, ein Urlaub als Paar oder auch nur Spaziergänge zu zweit sein. Nehmt euch Zeit, in der ihr euch – weitab vom Job- und Alltagsstress – als Paar verbinden könnt. Auch gemeinsame Sport- oder Entspannungsrituale können im Kampf gegen akuten Stress besonders wirksam sein.

Vom Feind zum Freund der Liebe: Stress kann eine Partnerschaft sehr belasten. Finden wir jedoch einen geeigneten Umgang mit dem vermeintlichen Liebeskiller, kann er auch zum wahren Kraftgeber für unsere Beziehung werden. 

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ZUM KURS

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Hinweis zu Geschlechtern

In diesem Artikel beziehen wir uns auf die Unterschiede im Stresserleben von Mann und Frau. In diesem Zuge wollen wir darauf aufmerksam machen: Es gibt weitaus mehr als zwei Geschlechter. Uns bei HelloBetter ist es wichtig, ein Bewusstsein für die verschiedenen Geschlechtsidentitäten zu schaffen und alle Menschen in unsere Arbeit miteinzubeziehen.